Episode 4: Eine sehr späte Trotzphase

Mit romantischen Achselstützen und einem Bein in der Streckschiene aus dem australischen Krankenhaus entlassen und auf der Suche nach einer vorgezogenen Heimreisemöglichkeit: Die folgenden Tage führen der Frau ihr leichtfertiges Handeln, die Unnachgiebigkeit mancher Airlines sowie ihre psychische Labilität vor Augen, die ihre Frustrationstoleranz zu der einer Zweijährigen regredieren lässt.

Nicht nur stellt sie fest, dass das champagnereske Unsterblichkeitsgefühl, mit dem sie bei der Flugbuchung voller Übermut auf ‚Ach was, wofür eine Reiserücktrittsversicherung?‘ geklickt hatte, um Geld zu sparen, nicht hundertprozentig berechtigt war, und etwas kurz gedacht. In kurzen Gesprächen mit AirlinemitarbeiterInnen zwischen sehr vielen sehr langen Warteschleifenminuten stellt sich außerdem heraus, dass eine Umbuchung des Fluges nunmehr ziemlich viel Geld kosten wird. Bei jedem einzelnen Gespräch fließen Tränen der Wut, auf die eigene Kurzsichtigkeit, auf die Penner von der Airline, und auf die diffuse Böswilligkeit des Universums.

Nach Stunden des Zähneknirschens knickt sie in Ermangelung einer Alternative ein und gibt die kostspielige Umbuchung in Auftrag. Bei der Sitzplatzfrage angekommen gibt die Frau zu bedenken, dass ihr Bein derzeit aus Streckschienengründen nicht beugbar sei. Ihre Bitte um einen Platz an der Seite, um das kaputte Glied seitlich im Gang lagern zu können, kontert die Emirates-Mitarbeiterin schlagfertig: ‚Wer sein Bein nicht beugen kann, kann auch nicht Economy fliegen. Ich lasse Ihnen gern ausrechnen, was Ihr Flug in der Business Class kosten wird. Bitte bleiben Sie dran.‘ Erst nach einer weiteren vor Wut heulend in der Warteschleife verbrachten Minute setzt sich der Gedanke durch, dass einen an dieser Stelle vielleicht auch einfach mal alle an den Füßen packen können, und man schon irgendwie in dieses Flugzeug reinkommen wird.

Des Weiteren stellt die Frau fest, dass es im Rahmen einer Paarbeziehung auf Augenhöhe durchaus als Grenzerfahrung durchgeht, auf einem Hocker in der Badewanne mit einem ums Bein gewickelten Müllsack zu duschen und sich im Anschluss aus der Wanne helfen lassen zu müssen. Abhängigkeit ist durchaus kein Spaß. Auch hier wird öfter mal vor Demütigung geheult.

Wie etwa: Die Frau und ihr Freund sitzen nebeneinander auf dem Sofa; der Rechner auf seinem Schoß. Sie bittet ihn um ein Glas Wasser. Er, den Blick auf den Laptop gerichtet, sagt: Gleich. Ich gucke das nur noch kurz zu Ende. Dann klickt er die nächste Google-Suchergebnisseite mit Hutbildern an und wägt sorgfältig Pro und Kontra des Kaufs von diesem oder jenem Modell ab. An dieser Stelle ist dann auch niemand mehr überrascht, dass der Frau umgehend die zuverlässigen Tränen der Wut aufsteigen.

Wenn man vergessen hat, wie sich die Trotzphase kleiner Kinder zwischen anderthalb und drei anfühlt, und was einen seinerzeit möglicherweise bewogen hat, sich wutentbrannt auf den Boden zu schmeißen, zu brüllen und zu heulen, kann eine körperliche Einschränkung einem das ganze Drama schon mal wieder in Erinnerung rufen. Steile These: Wo bei Kleinkindern Wille und Vision schneller wachsen als die Fähigkeiten oder die Befugnisse, ist das Ohnmachtsgefühl nicht weit. Der Umstand, dass man allerorten an seine Grenzen stößt, ständig irgendetwas noch nicht kann oder noch nicht darf, dabei aber immer mehr wahrnimmt, dass die Großen genau all das mit der größten Selbstverständlichkeit tun, und sie es noch dazu in der Hand haben, einen warten zu lassen, einen an etwas zu hindern… Dass einfach die GANZE VERDAMMTE WELT NICHT TUT, WAS MAN VON IHR VERLANGT, obwohl es ihr EIN LEICHTES wäre, einem zu Willen zu sein – könnte eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Und auch wenn es ein vorgezogener Abschied wird, sind am Ende alle auch ein bisschen froh, als die Frau, widerwillig um die Erkenntnis bereichert, dass eine Reiserücktrittsversicherung hier und da sicher auch ihren Nutzen hat, ihre Krücken packt und sich auf den Weg zum Flughafen macht.

 

Episode 4 einer Geschichte in mehreren Tabs

Zu Episode 5: Fit to fly

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2 Gedanken zu „Episode 4: Eine sehr späte Trotzphase

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