Tango vs. Swing (Swing gewinnt)

Disclaimer: Ich bin schwer verliebt in alle Swingtänze und habe Tangotanzen bloß ein-, zweimal ausprobiert. Ich finde es irgendwie schön und irgendwie elegant und würde es irgendwie auch gern beherrschen, aber in der Realität würde ich es aller Wahrscheinlichkeit nach wohl nicht tun. Das vorab.

Kommen wir nun zu viel tiefem Unverständnis.

Dabei haben die beiden Tänze gar nicht wenig gemeinsam. Den Umstand beispielsweise, dass hier zu zweit zur Musik improvisiert wird, nicht irgendein Schrittprogramm durchgezogen. Außerdem je eine relativ fanatismusanfällige internationale Szene, deren Mitglieder bereit sind, sich finanziell zu ruinieren, um an verschiedenen Orten der Welt drei Tage durchtanzen zu können, und die eigens den Ausdruck ’non-dancing friends‘ für eine stetig schwindende Gruppe von Sozialkontakten geprägt haben.

Aber sonst: fundamental andere Lebens- und Weltsicht. Fundamental. Ohne werten zu wollen: Was für ein Mindset muss man mitbringen, um sich Musik anzuhören, die dem (laut Wikipedia) „Ausdruck existenzieller Not und menschlicher Einsamkeit des Porteño“ dient? Tangolieder haben, auch das sagt Wikipedia, eine „romantisch-fatalistische Thematik“; ein sehr netter Tangotänzer (die gibt es!) fasste ihren Inhalt zusammen mit: Drama, Liebe, Verlust und Unglück. ‚Und wenn man denkt: ach, das Lied klingt gar nicht so traurig, dann singt aber gleich wieder jemand: sie hasst mich, sie wollte mich töten… Dochdoch, es ist immer Unglück und Drama.‘

Dazu diese Idee von Verschmelzung eines Paares unter Führung des Mannes. In meiner ersten Tangostunde fragte ein Mann, was zu tun sei, wenn die Frau sehr klein sei und die großen Schritte aus Beinlängengründen nicht mitgehen könne. Man antwortete ihm, dann müsse die Frau eben früh genug den Fuß nach hinten ausstellen, dann gehe das schon mit den riesigen Schritten.
Vielleicht ist es ja schön, wenn man die Geschlechtersache mal im Extrem ausleben kann, ohne dass jemandem ernstlich wehgetan wird. Wie Fußball als spielerischer Kriegsersatz. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Leute, die Tango tanzen, womöglich auch ein fantastischer Pool zur Kundenakquise für Paartherapeuten sind.

Nie im Leben würde in einem Swingtanz derart auf das Gegenüber gepfiffen. Im Grunde ist Lindy Hop, in meiner Vorstellung wenigstens, das Pendant zur idealen Beziehung: Zwei Menschen bringen so viel wie möglich von ihrer Persönlichkeit ein, bauen den Tanz gemeinsam und mit Blick aufeinander, aber innerhalb dessen hat jeder maximale Freiheit. Man klebt nicht aneinander, geht auseinander und findet sich wieder; jeder gibt dem anderen Halt, achtet dabei auf sich selbst und darauf, bis auf wenige Ausnahmesituationen die eigene Balance zu halten. Man gewinnt Energie aus der Energie und den Ideen des Gegenübers, aus der Musik und aus der Dynamik des Tanzes und nutzt sie für neue Bewegungen und Ideen. Die Körperhaltung und Bewegungen sind so natürlich wie möglich; artifizielles Geschlenker und Gekreuze hat dort nichts zu suchen. Das Ganze funktioniert wie ein gutes Gespräch in einer eigenen Sprache: man kennt bestimmte Vokabeln – Schritte oder Bewegungen – und eine Grammatik – musikalische Strukturen, Körperbeherrschung -; so verständigt man sich mit dem jeweiligen Partner, und jeder hört dem anderen zu. Nicht: einer bestimmt die komplette Zeit, worum es geht, und der andere muss mit. Und niemand ist per Geschlecht darauf festgelegt, nur zu führen oder nur zu folgen.

Was das Verständnis von Liebe betrifft, scheint mir das im Swing verglichen mit Tango ein deutlich gesünderes zu sein. Songtexte sind reichlich sexuell konnotiert; in den alten Aufnahmen meist mit Metaphern getarnt, die überraschend oft aus dem Essensbereich kommen. Genuss statt Leid. Wo ist da die Entscheidungsschwierigkeit?

Die oft arg extrovertierte Lebensfreude vieler Lindy Hopper mag manchem gelegentlich auf die Nerven gehen… Kein Grund, gleich zum Tango überzulaufen. Erstens kann auch Lindy Hop subtil, sexy oder feinsinnig getanzt werden, zweitens deckt die Gesamtheit der Swingtänze eine gigantische emotionale und atmosphärische Bandbreite ab: Balboa ist elegant und sophisticated; Charleston wild und individualistisch; Blues ist schwer, sinnlich, leidenschaftlich und gefühlvoll – und auch in den Songtexten zu den traurigsten Themen nicht so fürchterlich schicksalsergeben, sondern immer kraftvoll und stolz. Und in jeder dieser Richtungen gibt es immer auch die Tänzer, die alles mischen und überhaupt wieder alles ganz anders machen. Man kann alles haben im Swing. Sogar High Heels. Muss aber nicht.

Herrje, und die Etikette… Man wird wenig mehr als verblüfftes Gelächter unter Swingtänzern hören, wenn man ihnen erzählt, dass auf einer Milonga im Kreis gegen den Uhrzeigersinn getanzt wird. Dass man unter keinen Umständen fragt, ob jemand Lust hat zu tanzen, sondern das über Blickkontakt zu regeln hat. Um nicht vor aller Augen die Schmach einer Absage ertragen zu müssen. Meine Güte. Dass man ein Set von vier Liedern miteinander durchhalten muss, ob es Spaß macht oder nicht. Gibt es irgendeinen Grund, warum man sich in seiner Freizeit einem streng reglementierten Protokoll unterwerfen sollte statt das zu tun, worauf man Lust hat?

Ja, Tango ist irgendwie schön und irgendwie elegant und sicher ein Stück Kulturgut. Und in der Theorie würde ich ihn gern beherrschen, aber in der Praxis läuft das Ganze so vielen Dingen zuwider, die ich gut und wichtig finde, dass wir wohl einfach nicht die Richtigen füreinander sind. Und das kann man vielleicht einfach mal so stehen lassen. It’s not you, it’s me. Wir können ja Freunde bleiben. Alles Gute und weiterhin viel Erfolg.

lebenswichtige Erkenntnisse

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4 Gedanken zu „Tango vs. Swing (Swing gewinnt)

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