Das kapriziöse Wesen der Zeit

Wieder keine Zeit gehabt, früh loszuschreiben. Musste noch online Zeitungen lesen mit dem Laptop im Bett, und dann rief jemand an… Uff, und morgen noch nen Brief einschmeißen. Wenn ich’s schaffe. – Manche Leute müssen den kompletten Tag kiffen und drüber nachdenken, was sie demnächst mit ihrem Leben machen, und darüber kommen sie zu nix. Keine Zeit, sich nen Job zu suchen, aufzuräumen, einzukaufen. Die Rentner der Generation meiner Eltern sind ständig busy. Keine Chance, sie mal länger ans Telefon zu kriegen. ‚Du, ich muss jetzt wirklich auch weitermachen.‘ – Besuch in der Großstadt? ‚Oh, nächste Woche ist ganz schlecht, da hab ich einen Zahnarzttermin.‘ Hingegen meine Freundin mit Kleinkind und Vollzeitjob schmeißt dann noch ein Essen für acht Leute, hört sich den Liebeskummer im Umfeld an, fährt mit Freund und Kind in den Urlaub und geht auf ein Konzert.

Zu glauben, mehr Aufgaben bedeuten weniger Zeit für andere Dinge, ist ein Irrtum. Die Zeit ist schon auch eine Diva. Die will ein bisschen was Besonderes sein: Willste gelten, mach dich selten – daran hält sie sich, und je dünner sie gesät ist, desto besser behandelt man sie. Arbeitslose Zeit ist die am wertlosesten empfundene Zeit der Welt. Hat man ja immer. Wieso jetzt aufstehen… Später ist auch gut. Und dann wird sie tatsächlich wertlos. Einmal in Action wiederum, und mit vielen, vielen Vorhaben, kriegt man meist noch überraschend viel zwischendurch eingeschoben.

Es mag dabei sowas wie das richtige Maß geben: Wenn ich mich an meine Abiprüfungen erinnere, vor denen ich über Wochen alle Verabredungen absagte, mir statt dessen jeden Tag einen Eiskaffee anrührte, auf der Terrasse einen Liegestuhl in sonneneinstrahlungsoptimierte Position rückte, Sonnenhut und Kissen herbeischleppte, ein paar Brote und alle nötigen Unterlagen plus zwei Kulis (für den Fall, dass einer ab irgendeinem Punkt nicht mehr schreiben sollte) in Griffweite stapelte, damit ich nun auch unter Garantie nicht mehr aufstehen müsse und ungestört lernen könne, mich niederließ, den Eiskaffee trank, ein Lehrbuch und einen Notizblock schnappte und darüber einschlief, war das nicht der allereffizienteste Weg. Wenn ich an meine zirka fünften, oder sagen wir zehnten Semesterferien denke, in denen ich mir völlig an der Realität vorbei sechs Hausarbeiten vorgenommen und die Liste an eine Tafel in der Küche geschrieben hatte, um sie nach und nach abzuhaken, statt dessen aber jeden Morgen im Bewusstsein der Unmöglichkeit, diese Unmenge zu schaffen, vor der Tafelliste erstarrte und vor Angst lieber überhaupt nichts anfing, war das womöglich auch nicht ideal. Tatsächlich lernte ich alles fürs Abi in den letzten zwei Tagen, schrieb die Hausarbeiten zur Hälfte gar nicht, zur Hälfte während der nächsten Vorlesungszeit, als eigentlich keine Zeit dafür mehr war, verfasste die letzten beiden Kapitel meiner Magisterarbeit in der Nacht vor Abgabe, und schloss mein erstes Buch ab, nachdem ich alle Sudokus und Mahjonggs des Internets gespielt, Datingportale als Zeitfresser missbraucht, beim SZ-Online-Test zur emotionalen Intelligenz miserabel abgeschnitten, eine Beziehungskrise vom Zaun gebrochen hatte (mangelnde emotionale Intelligenz plus Datingportale), und die Deadline einzuhalten im Grunde menschenunmöglich geworden war.

Auch noch verbesserungsfähig – aber im Ansatz scheint mir das, zumindest für pathologische Prokrastinierer wie mich (das Ergebnis eines weiteren zeitschindenden Online-Selbsttests), ein okayer Mittelweg zu sein, den auch schon andere entdeckt haben: zu allen Kaffeetreffen und Essenseinladungen und romantischen Dingen und Jobs und Konferenzen und Meetings, die einen tatsächlich interessieren und die einem wichtig sind, ja zu sagen, bis alles voll ist, und dann ist eben nur noch so viel Zeit übrig, wie übrig ist. Und in der schafft man dann alles, was man muss.

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Ein Gedanke zu „Das kapriziöse Wesen der Zeit

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