Alte Männer, dicke Frauen, und Timing in der Freiberuflichkeit

Der Blog ist ein Jahr alt geworden! Gestern war Geburtstag. Und hab ich mich an die selbstausgedachte Einmal-pro-Woche-Regel gehalten? Geht so.

Über die herausfordernde Handhabung der Zeit ist an dieser Stelle ja schon die eine oder andere Wortsalve verloren worden. Übers Freiberuflersein (und Selbstbeschränkung dabei) auch. Bringen wir mal beides zusammen, aus gegebenem Anlass: Wie erstaunlicherweise und zu meiner dann doch Freude und Rührung immer noch gelegentlich bemerkt wird, ist hier lange nichts passiert; WordPress sagt: seit vier Monaten. Herrje.

Das hat gar nichts mit meinem letzten Post zu tun und damit, dass ich nun keine Zeit mehr gefunden hätte für Dinge jenseits von Kinderwagensuche und Bauchbetreuung. Sondern damit, dass bei nicht so sehr gut organisierten und etablierten Freiberuflern wie mir das Glück eine allzu große Rolle bei der Auftragslage spielt. Und das ist eben mal so, mal so gestimmt. So geschah es, dass nach rund einem halben Jahr, in dem ich sehr viel Zeit für diesen Blog, für eigene Comics und fürs bange Nägelbeißen mit Blick auf die nächste Miete hatte – offen gestanden war es angesichts der anstehenden Familiengründung und meines Kontostands gegen Ende eher die nackte Panik – das Blatt sich auf einmal wieder wendete. Es kam ein Auftrag. Und zwar einer, der so gut lief, dass der Arbeitgeber mittendrin vorschlug, mir einfach ein Viertel mehr Honorar zu zahlen, ob ich einverstanden wäre? Das sei es schließlich wert. Ich musste nur sehr kurz überlegen. Und war vorerst finanziell gerettet und entsprechend erleichtert.

Weil es gerne so ist, dass genau dann, wenn man aus der größten Pampe wieder rausgekraxelt ist, alles auf einmal kommt, kam dann alles auf einmal. Wo ich zuvor mit langsam wachsendem Bauch und – wie gesagt – Panik samt entsprechend hilflosem Akquiseaktionismus meinem Ruin entgegengesehen hatte, sagte ich nun, inzwischen richtig dick und schwerfällig, ein ums andere Mal: Klar, kann ich, mach ich, kein Problem, hier mein Tagessatz, natürlich bin ich fit, nein, der Entbindungstermin ist weit, weit weg. Und dann wurde ich reich. Beziehungsweise konnte jedenfalls auf einmal von meinem Einkommen leben.

Der schönste Auftrag bestand darin, sehr viele Kampfpiloten aus dem zweiten Weltkrieg ausfindig zu machen und sie zur Technik und den Flugeigenschaften ihrer Maschinen zu befragen. Zum einen war auch hier das Timing projektimmanent beispielhaft schlecht: als den Auftraggebern die Idee dazu kam, waren die meisten der in Frage kommenden Zeitzeugen längst in gesegnetem Alter verstorben. Zum anderen waren es aber, glaube ich, hübsche Bilder, wie ich mit einer nunmehr riesenhaften Wampe regelmäßig die halbe Setbeleuchtung umrempelte, um dann mit Männern zwischen 90 und 100 in deren Wohnzimmern in den gesammelten Dörfern der Republik über die jeweiligen Eigenheiten der unterschiedlichen Messerschmitts, Junkers, Heinkels, Focke-Wulfs und Fieselers zu fachsimpeln.

Verschiedene nebenher gewonnene Erkenntnisse aus diesem Projekt: a) Man kann sich wirklich in ALLES einarbeiten; b) Es macht einen kaum zu ermessenden Unterschied für das Verhältnis zur eigenen NS- bzw. Kriegsvergangenheit, ob das spätere Leben zufriedenstellend verlaufen ist. Mit Pech war das die einzige Zeit, in der man cool war, und dann neigt man unter Umständen dazu, die sein Leben lang abzufeiern. Mit Glück ist man so weit mit sich im Reinen, dass man auch größere Fehltritte eingestehen und integrieren kann. – Und verschiedene andere, die vielleicht mal eine gesonderte Einlassung verdienen.

Jedenfalls führt eine wochenlange Aneinanderreihung von Zwölf-, Dreizehn-, Vierzehnstundentagen zu Unpünktlichkeit in der Blogfütterung, zumindest in meinem Fall. Zwischendurch war ich mal einen Tag zu Hause, Wäsche waschen und zum Arzt gehen. Dort lag ich dann am Wehenschreiber festgeschnallt und versuchte, am Telefon die Interviewtermine zu koordinieren. Oder unterbrach den Babybettkauf, um mich in der IKEA-Kinderabteilung an einen Schülerschreibtisch zu quetschen und schnaufend und schweißgebadet einem Mitte-90-jährigen Hörgerätverweigerer durchs Handy ins Ohr zu brüllen, ob er den Sturzkampfbomber gleich ab Kriegsbeginn geflogen habe, während hinter mir junge Paare übers Laminat flanierten und irritiert guckten.

Wie auch immer: schön war’s, auf eine spezielle Art, und ein Riesenglücksfall, vorm Abschied in den Mutterschutz noch mal verschiedene Dinge anleiern zu können. Und es ist außerdem der Grund, warum hier drei Monate nichts los war. Seit einem Monat ist der Grund ein anderer, und dem geht’s glücklicherweise gut, so dass auch der Blog bestimmt in nächster Zeit wieder zum Leben erwachen wird. Ich bin gespannt, wie sich das alles auf mein Zeitmanagement auswirkt; ein weiterer Selbstversuch ist also in Arbeit. WordPress wird mich gnadenlos evaluieren.

Ich lege das dann ggf. offen, und wünsche außerdem auch noch sehr verspätet ein fabelhaftes neues Jahr, Cin cin, auf bald!

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