Episode 1: Verschiedene Beispiele schlechten Timings

Schlechtes Timing in der Liebe. Gibt’s. Hätte man sich doch fünf Jahre später, einen Monat früher oder einfach an einem anderen Tag kennengelernt… gereift und ruhig/noch unverheiratet/nicht so schrecklich betrunken/bevor man den Vertrag für die Stelle in Übersee unterschrieben hat, etc. – beispielsweise.

Auch: Genau dann das erste und einzige Mal jemand anderen küssen, wenn der eigene Freund/die eigene Freundin gerade um die Ecke biegt. Die Schwangerschaft, wenn man soeben im Stillen die Trennung beschlossen hat. Das grandiose Jobangebot auf der anderen Seite der Welt, während zu Hause gerade die größte Beziehungskrise seit Jahren wütet. Und Liebe mal im weiteren Sinne begriffen: Man zieht sich aus einer anstrengenden Freundschaft zurück, und im nächsten Moment kriegt der andere die Krebsdiagnose. Oder nehmen wir für den Moment: durch heftigen Streit bedingte Funkstille zwischen Schwestern, während eine ihre Hochzeit plant, so dass die wortlose Einladung im Briefkasten liegt, nachdem die andere gerade zum selben Termin ihre Auslandsreise gebucht hat.

Sagen wir, beide Schwestern wünschen sich im Grunde nichts anderes, als die Sache zusammen zu feiern. Aber als sie sich vertragen, ist es zu spät, um die Reise noch zu stornieren. Und vorher, so auf Verdacht, ja – aber so einfach ist es eben auch nicht, denn es konkurriert auch der oben genannte Fall der großen Beziehungskrise, eingetreten kurz bevor der langjährige Freund der reisewilligen Schwester für ein halbes Jahr ins sehr, sehr weit entfernte Ausland verschwand. Und so befanden es zwei Menschen, die immerhin doch noch beabsichtigten, ihr Leben miteinander zu verbringen, weil es viele schöne Jahre gegeben hatte, bevor dann ein halbes scheußliches dazwischenkam, für richtig und wichtig, sich mal gegenseitig zu besuchen. So wurde beschlossen, dass die zu Hause gebliebene Freundin ihren angekriselten Liebsten quasi abholen sollte, und zwar sechs Wochen lang. Wenn man schon einmal um die komplette Welt fliegt. Und dann wurde beschlossen, dass in der Mitte dieser Reise die Schwester heiraten sollte. Und da gab es ziemlich viele Tränen.

Irgendwann fangen sich dann alle wieder und sagen: schlechtes Timing, aber so ist es jetzt halt. Wir denken aneinander. Und skypen. Schon gut. Und die Reise wird angetreten. Deutschland – Australien. Zweiundzwanzig Stunden.

Sagen wir ferner, dann läuft aber nichts nach Plan oder Wunsch oder auch nur grober Leitlinie. Die Freude über das ersehnte Wiedersehen des Liebespaars am Flughafen verpufft nach Minuten in Verständnislosigkeit und Aneinandergeraten. Die Stimmung am freien Tag darauf ist grauenvoll. Krise is back mit Vollkaracho. Und danach versinkt der Liebste in seinem durchaus fordernden Traumjob unter Arbeitsbergen, die 16-Stunden-Tage komfortabel füllen, während die Freundin sich in der Zeitzone und der fremden Stadt zurechtzufinden sucht, selbst ein bisschen arbeitet, tanzen geht und an den Strand und ins Museum. Man isst in den ersten vierzehn Tagen zweimal zusammen zu Abend und erlebt sich ansonsten nie wach. Nichts was angetan wäre, um eine auf die schiefe Bahn geratene Beziehung wieder zu stabilisieren. Wissen auch alle Beteiligten, und haben ja beste Absichten. Und so gibt es nach zwei Wochen das von langer Hand geplante

ROMANTISCHE PÄRCHENWOCHENENDE.

Die Idee: Ein Ausflug vor die Stadt. Zugfahrt, schöne Landschaften, ein Häuschen, Zeit.

Leider die Realität: Am ersten Morgen des romantischen Pärchenwochenendes wacht die Freundin als Karl-Dall-Lookalike auf, mit einer sehr passablen Bindehautentzündung. „Komm her und küss mich“ geht da nicht so leicht über die Lippen.

Während Karl Dall also darüber nachdenkt, was nun im Sinne der Wiederbelebung sexueller Aktivität zu tun sei, und an den Fingern nachrechnet, wie spät es wohl in der Zeitzone der Familienärztin ist und ob man diese schon telefonisch um Rat fragen kann oder es eventuell noch mitten in der Nacht…. klingelt das Handy, und dran ist: die Familienärztin. Das kurze Staunen über deren hellseherische Fähigkeiten dauert nur kurz, dann wird klar, dass sie zunächst nicht das geschwollene Auge heilen will. Statt dessen schwillt das andere Auge auch noch an, als nämlich die Nachricht vom Tod des siebzehnjährigen Familienkaters überbracht wird. Eine vor dem Bett auf dem Teppichboden des Wochenendhäuschens kniende Frau, die nunmehr aussieht wie Karl Dall mit schlimmem Heuschnupfen, erfährt, dass nun neben einer Schwesterhochzeit nun auch eine Katerbeerdigung im Kreise der Familie mit Ausnahme ihrer selbst stattfinden wird, erfragt dann mit zitterndem Kinn noch die Medikation, und kriecht wieder ins Bett, wo sie erst mal Trost statt Liebesbelebung sucht.

Es wird dann trotzdem noch ein schönes Wochenende.

Zu Episode 2

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