Der Kinderwagen-Fauxpas

Neulich vormittags auf ebay Kleinanzeigen: der Impuls, mich mal unverbindlich nach Kinderwagen umzusehen. Es eilt noch nicht besonders, aber früher oder später werde ich einen brauchen, und so hat ’sich mit der Materie vertraut machen‘ die Prokrastinationsfunktion im Arbeitstag übernommen, die vormals von Youtube-Videos ausgefüllt wurde. [Allerdings gucke ich derzeit parallel auch noch Youtube-Videos.]

Vage habe ich Bemerkungen von Bekannten im Ohr, Kinderwagen seien erschütternd teuer. Aber was heißt das? Sind hundert Euro teuer? Dreihundert? Sechs? Auf ebay Kleinanzeigen findet sich alles zwischen 50 und 400 Euro. Ein Bild sieht ganz ansprechend aus; in der Anzeige steht nur VB, ohne preisliche Größenangabe. Hm.

Weil ich noch nicht recht losarbeiten mag, aber mir auch nicht die Zeit nehmen, um Neupreise von Kinderwagen zur Orientierung umfassend zu recherchieren, schreibe ich, um mich dennoch produktiv zu fühlen, die Besitzer an: schöner Wagen, sage ich, ich wisse, offen gestanden, nicht genau, in welchen Preiskategorien man sich hier bewege, aber auch wenn ich nicht mehr als etwa hundert Euro ausgeben könne, würde ich das in diesem Fall gern tun, und schmisse das also mal als Vorschlag in den Raum. So. Viele Grüße, senden, dann doch an die Arbeit.

Eine Freundin hat mal von ihrem Besuch in der Kinderabteilung eines Kaufhauses erzählt, und wie ihr innerhalb weniger Sätze der Manier ’na, wenn Ihnen der Rücken Ihres Kindes egal ist, können Sie natürlich auch das günstige Modell nehmen‘ ein ungeheures Schuldgefühl wuchs. Ich frage mich, ob ich mir auch eins wachsen lassen soll, weil ich dem Wohl meines Kindes eine Preisgrenze von gerade mal hundert Euro setze, und denke dann, was man eben so denkt, nämlich: wir sind ja auch alle groß geworden in den Siebzigern und Achtzigern, ohne heutige State-of-the-Art-Federung im Gefährt, und hat es uns geschadet? – und dass der ideologische Druck, dem eigenen Kind unter allen Umständen und ohne Wimpernzucken auch um den Preis des wirtschaftlichen Ruins die allerallerbesten Voraussetzungen auf sämtlichen Ebenen zu schaffen, eine der größeren Gemeinheiten des Kapitalismus ist.

Ich habe eine Mail bekommen: der freundliche Herr von der Kinderwagenanzeige ist nicht einverstanden mit meinem Angebot, bzw.: er wisse, schreibt er, überhaupt nicht, was er davon halten solle; man habe diesen Wagen vor zwölf Monaten für 980 Euro gekauft und wolle nun gerade noch 350 dafür haben; er finde, das sei mehr als fair, und somit sei mein Vorschlag eher unverschämt…. Er wünscht mir in dezent angepisstem Ton noch alles Gute, und Ende.

Ui. Ist das so, als hätte ich ihm vorgeschlagen, ihm im Tausch gegen Geschlechtsverkehr auch mal ne Pommes zu kaufen? Oder eins dieser Freiberuflerneppangebote – du bekommst zwar kein Geld, aber dein Name könnte unter dem Text stehen? Ich bin ehrlich betroffen über meine eigene Ahnungslosigkeit und dass ich ihm so auf den Schlips getreten bin, und außerdem fällt mir das fabelhafte Buch zum Blog Stuff White People Like ein, das einem in Kapitel 135 (‚Expensive Strollers‘) erläutert: „It is simply understood that strollers start at $800, and it is not wise to question this. In fact, it has been shown that white children who are pushed around in substandard strollers often grow up to be only marginally gifted.“ – In Anwendung dieses Wissens habe ich daher Verständnis für seine Erbostheit und melde zurück, der Fettnapftritt tue mir aufrichtig leid, und offenbar sei es dann nicht der Kinderwagen für mich. Erste Erkenntnis für den Tag: Ja, Kinderwagen sind offenbar in der Tat teuer, und zwar jenseits meiner Vorstellungskraft.

Dann lehne ich mich zurück und frage mich, ob das alles so sein muss. Dass man sich Dinge nicht leisten kann, die andere sich leisten. Speziell wenn es dabei um andere Menschen als einen selbst geht: wenn man nicht sich, sondern seinem Kind die Souterrainwohnung, die Kohleheizung oder den mehrfachgebrauchten Kinderwagen zumutet. Schon guckt es um die Ecke, das Schuldgefühl. Aber nicht lang und nicht groß. Inzwischen sehe ich glücklicherweise ein paar sehr gelungene Kinder in meiner Umgebung, die mit relativ normalem Maß an Ausstattung und Chaos aufwachsen. Und bin in der Lage, tausend Euro für einen Kinderwagen für kompletten Irrsinn zu halten.

Ich habe außerdem den Eindruck, dass die leberwurstige Reaktion erstens bestimmt personen- oder tagesformbedingt war, zweitens aber auch – hier wird es allerdings spekulativ – ein diffuser Druck dahintersteckt, das eigene Ja zum Tausend-Euro-Kinderwagen mit Zähnen und Klauen als die alternativlos einzige Entscheidung zu verteidigen. Weil man sich in der Kinderwagenideologie nur auf eine Seite schlagen kann – sei man durchs eigene Einkommen, durch Schuldgefühlanfälligkeit oder durch Prioritätensetzung für die eine oder andere prädestiniert. Yea or Nay zum großen Das Beste ist gerade gut genug.

Zweite Erkenntnis: man sollte sich um des eigenen Seelenfriedens willen wohl nicht so reinhängen. Ich hingegen kann mich (wider besseres Wissen) nicht gegen mich selbst wehren und muss nach einer kurzen Bedenkpause zur Selbstpositionierung noch mal nachmeckern: Dann sollen sie doch bitte in die Anzeige schreiben, wieviel sie haben wollen, und schon müsse sich niemand ärgern. – Der Herr retourniert, grußlos diesmal, das solle ich mal schön ihnen überlassen. Und das tue ich dann auch. Der Tag für einen Kinderwagenkauf mag kommen. Aber es ist nicht dieser Tag.

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Ein Gedanke zu „Der Kinderwagen-Fauxpas

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