Hässlich sein

Ich habe viele Jahre später ein Video von mir mit 15 Jahren gesehen und habe dabei körperlich gelitten mit dieser Inkarnation der Unsicherheit, die in jeder einzelnen Geste daran scheiterte, sich selbst zu überspielen.

Ein paar Dinge über die Pubertät auf dem Land vor 1995: Wir hatten kein H&M. Es gab keine erschwingliche Normkleidung. Möglich waren die Anpassungsoptionen Levi’s, Diesel etc. (es war auch die Zeit der Markenlogos in Großformat auf T-Shirts), oder, für die Individualisten mit Geschmack und einem guten Griff, der Flohmarkt.

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich das nicht hatte; die erste Zeit war es mir auch schnurz; eine ganze Weile habe ich mich für mein eigenes Aussehen nicht weiter interessiert. Während andere Siebtklässlerinnen in Benettonpullis Freunde in der Neunten und immer eine Haarbürste in der Schultasche hatten und in „Das ist meine Schulklasse“-Büchern als Hobby „Flirten“ eintrugen – wie man das anfangen sollte, blieb mir vollkommen rätselhaft -, trug ich die Ringelsweatshirts meiner Cousinen auf und war in meiner modischen Ignoranz eigentlich ganz zufrieden.

Das bleibt aber nicht so, wenn sich immer wieder jemand bereit findet, einen auf die eigene optische Unzulänglichkeit aufmerksam zu machen. Zahnspange und dicke Brille und ausgeprägtes gestalterisches Unvermögen trugen sicher ihren Teil bei, aber auch sonst fiel das Urteil nicht sehr gnädig aus. ‚Gorilla‘, ‚hässliches Schwein‘, oder die als wohlmeinend ehrliche Kritik vorgebrachte Einschätzung meiner Freundinnen, ich hätte, dochdoch, immerhin ein nettes Lächeln, aber im Übrigen sei ich leider, leider wirklich richtig hässlich – taten ihre Arbeit. Ich lächelte im verzweifelten Versuch, Haltung zu bewahren, einen zittrigen Rest mein netten Lächelns, des letzten mir bleibenden Trumpffetzens, ging nach Hause und setzte mich zu meinen Eltern an den Tisch, heulend, und mit der Frage, ob es denn wirklich so schlimm um mich stehe. Die Antwort meines Vaters, auf Schönheit komme es überhaupt nicht an, steht in Sachen Einfühlungsvermögen bis heute allein auf weiter Flur und hat ja in ihrer meilenweiten Themaverfehlung irgendwie auch einen gewissen Charme. Denn das ist natürlich ein rechtschaffener und gut gemeinter Ansatz, aber es kommt sehr wohl auf Schönheit an, solange man für ihre Abwesenheit auf die Nase kriegt.

Es gab sich dann alles. Die Zahnspange weg, es gab Kontaktlinsen, irgendwann war ich in meinem Erwachsenenkörper angekommen, und, zeitweise unvorstellbar, es verliebte sich auch mal jemand in mich. Ich konnte das dann kaum fassen und grübelte immer wieder darüber nach, ob nun die Gesamtheit innerer Werte in der Lage waren, diese Menschen dazu zu bringen, meine gravierenden äußeren Mängel in Kauf zu nehmen, ob ich mir ihr großzügiges Drüber-Hinwegsehen durch möglichst viele andere Features erarbeiten müsste, oder ob ihnen das Ganze allen Ernstes einfach überhaupt nicht aufgefallen war.

Ich kam zu dem Schluss, dass es jedenfalls vollkommen unmöglich war, danach zu fragen, gerade wenn die optischen Minuspunkte noch keine Aufmerksamkeit erregt hatten. Wenn das so war, dann musste ich einfach nur dafür sorgen, dass es auch so blieb. Ich legte meine Arme immer so hin, dass die Oberseite mit den Härchen nicht zu sehen war, lernte, mich auch ohne Kontaktlinsen so zu bewegen, als könne ich etwas sehen, und nie, nie verlor ich ein Wort darüber, über die Hänseleien oder die Selbstzweifel – keine schlafenden Hunde wecken. Und tatsächlich schien niemals jemand etwas zu bemerken, jedenfalls gab es keine Reklamationen und auch sonst sagte nie jemand etwas. Ich konnte nicht glauben, dass ich damit durchkommen sollte, entwickelte zusätzlich ausgeklügelte Mehrfachstrategien zur Wertsteigerung: immer viel geben, und immer einen Teil meines Herzens bei mir behalten, für alle Fälle. Und ich will nicht ausschließen, dass damit das stetig weiter nagende Gefühl, mich irgendwie als Mogelpackung eingeschmuggelt und mir Zuneigung auf diese Weise quasi erschlichen zu haben, jeweils seinen Beitrag zum Zerbrechen der Liebe geleistet hat.

Und dann kommt jemand, und legt, als ich gerade für einen Moment nicht aufgepasst habe und ganz entspannt und offen und empfindsam bin, seinen Finger auf genau alle meine wunden Punkte und Makel und Unvollkommenheiten. Und ich fühle mich wie beim Schwarzfahren erwischt. Wummerndes Herzrasen. Und denke wirklich wie in einem bescheuerten Spionagefilm: So, das war’s. Das Spiel ist aus.

Aber dann ist da nur Liebe. Und ich muss heulen, als nach all den Jahren die Erkenntnis durchschlägt: dass nämlich natürlich niemand so blind war, das alles die ganze Zeit nicht zu bemerken, es aber allen einfach wirklich scheißegal war, ob hier oder dort irgendwas zu viel, zu wenig oder schief war. Dass das niemanden davon abhält, zu lieben – einen Menschen, und alle seine Besonderheiten dazu. Wie viele Jahre man mit unsäglich grundloser Quälerei verbringen kann, und wie unfassbar befreiend es ist, wenn man endlich damit aufhört.

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3 Gedanken zu „Hässlich sein

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