Die Geschichte einer imaginären Freundschaft

Ich bin einmal sehenden Auges direkt vor einem Streifenwagen bei geschlossener Halbschranke über Bahngleise gelaufen. Schlechte Idee? Schlechte Idee, geboren aus Zugbindung, Eile und der ländlichen Zeitrechnung – eine S-Bahn pro Stunde, dafür geht die Schranke schon fünf Minuten früher runter. Nämlich als ich ankomme. Weit und breit kein Zug. Das Ding ist in diesem Moment nur Schikane.

Während ich so zappelig von einem Fuß auf den anderen steige und der Polizist im Streifenwagen auf der anderen Seite des Bahnübergangs mich dabei beobachtet, entsteht in meiner Vorstellung ein Dialog des gegenseitigen Wohlwollens.

Es kann ihn nicht kalt lassen, dass ich meinen Zug verpasse. Er sieht ja, wie nervös ich bin – Zugbindung, Mann! -, und dass ich am liebsten rüberspurten würde. Zehn Meter, drei Sekunden, und ich würde die Bahn erwischen. Und trotzdem stehe ich hier an der Schranke, obwohl es ja nur eine Halbschranke ist und im Grunde kein Hindernis: was mich eigentlich zurückhält, das muss ihm klar sein, sind Moral und Gesetzestreue. Ich hebe hilflos die Schultern, um meinen Gewissenskonflikt zu verdeutlichen. Er lächelt und gestikuliert in ähnlicher Weise zurück. Wir verstehen uns.

Auf der anderen Seite ist es doch nicht Sinn der Sache, dass man sich als mündige Bürgerin von Bestimmungen versklaven lässt, wo sie offensichtlich keinen Zweck erfüllen. Eine Schranke zu beachten, wenn nirgends ein Zug ist. Was für eine Welt wäre es, wenn jeder sich drauf rausreden wollte, er habe lediglich Gesetze befolgt? Ist man nicht am Ende nur dem eigenen Urteil verpflichtet? Ist man. Und somit ist es nichts als eigenverantwortliches Handeln, wenn man sich, wo einem der freie Wille und die Möglichkeit, ihn umzusetzen, gegeben ist, aus den Fesseln quatschiger Rahmenbedingungen befreit. Der Polizist, auch ein Mann der Vernunft und daher ganz meiner Meinung, beobachtet mich lächelnd.

Ich gucke mit demonstrativ großer Geste links und rechts die schnurgeraden Gleise runter, wo kilometerweit kein Zug in Sicht ist. In meinem in den letzten sechzig Sekunden aufgebauten Fantasiekonstrukt sichere ich mich so gegenüber der Staatsmacht am Bahnsteig gegenüber mit der telepathischen Botschaft ab: Sehen Sie her, ich bin eine verantwortungsvolle Verkehrsteilnehmerin. Selbst wenn ich gleich über die Gleise laufen sollte, werde ich das nicht leichtfertig getan haben. Das wissen wir beide.

Der Polizist guckt wohlwollend. Glaube ich. Zwinkert der mir zu? – Also, spätestens jetzt stecken wir gemeinsam in der Sache drin.

Auf der anderen Seite: „So – dann bitte einmal Ihren Personalausweis…“ – Und in mir geht etwas kaputt.

Supermario

Fun Fact: Das Überqueren von Bahngleisen bei geschlossener Halbschranke kostet 350 Euro Bußgeld und bringt vier Punkte in Flensburg.

Erkenntnis 1: Man muss nicht alles tun, in was man sich selbst so reinquatscht.

Erkenntnis 2: Polizisten, auch wenn sie freundlich gucken, sind keine Freunde. Sondern Polizisten.

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